Was es für gute Forschung
braucht
Der US-Wissenschaftssoziologe Rogers Hollingsworth
verrät im STANDARD-Interview die Zutaten für exzellente Forschungsplätze

Rogers Hollingsworth empfiehlt dem Forschungsland Österreich, nicht in allen Bereichen der Grundlagenforschung präsent sein zu wollen.Rogers Hollingsworth war auf Einladung des Forschungsrates und des Club Research in Wien und hielt zum Thema "Organisational Design and Radical Innovations in Research" einen Vortrag. Der US-Wissenschaftssoziologe Rogers Hollingsworth kennt die Zutaten für exzellente Forschungsplätze - doch ein Rezept für eine "Instant-Elite-Uni" kann es seiner Meinung nach dennoch nicht geben. Anlässlich seines Wien-Besuchs sprach Gottfried Derka mit ihm.
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STANDARD: Österreich
bemüht sich gerade, eine "Elite-Uni" zu schaffen. Kann das gelingen?
Hollingsworth: Es ist unmöglich, ein Zentrum wie das M.I.T. oder Harvard
aus dem Nichts zu erschaffen. Diese Einrichtungen haben eine lange Geschichte.
Eine gute Universität oder Forschungseinrichtung lässt sich nicht am Reißbrett
planen wie ein Flugzeug oder ein Fallschirm. Eine Forschungseinrichtung ist kein
Produkt, sie entsteht.
STANDARD: Sie
haben hunderte solcher Institutionen analysiert. Was haben die guten gemeinsam?
Hollingsworth: Zunächst: Weltweit gibt es keine wirklich gute
Forschungseinrichtung, in der die Regierung großen Einfluss hat. Das ist
entscheidend - sehen Sie sich Oxford, Cambridge, Harvard oder Stanford an: Sie
alle haben ein großes Ausmaß an Autonomie und vollständige Unabhängigkeit.
Ein weiterer Faktor ist die Auswahl der Menschen, die forschen und lehren. Erfolgreiche Universitäten in Amerika rekrutieren Menschen aus der ganzen Welt, das einzige Kriterium ist die Leistung dieser Person. Für die Auswahl jedes einzelnen Harvard-Professors wird ein eigenes Gremium von führenden Forschern aus der ganzen Welt gebildet, um allein die Frage zu beantworten: Ist dieser Kandidat wirklich der Beste?
Ob der so etwas wie eine Habilitation geschrieben hat, ist völlig unwichtig. Das bringt den Unis enorme Flexibilität. Drittens braucht es eine Vielfalt der Personen, die in einem Fachbereich forschen. Sie sollten unterschiedlichen Hintergrund haben und dennoch häufig und intensiven Kontakt miteinander haben.
STANDARD: Welche
Trends haben Sie entdeckt?
Hollingsworth: Wissenschaft wird immer teurer, die Regierungen geben
immer mehr Geld dafür aus. Deshalb fühlen sie sich verpflichtet, sich in das
Management der Forschung einzumischen. Das ist ein Problem für
Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt - die Wissenschaft verliert ihre
Autonomie.
STANDARD: Mit
welchen Folgen?
Hollingsworth: Regierungen wünschen sich kurzfristig Nutzen von der
Forschung, da wirkt Grundlagenforschung wenig attraktiv. Doch wenn wir aufhören,
Grundlagenforschung zu finanzieren, wird uns einmal das Basiswissen für
Innovationen ausgehen.
STANDARD: Ihr
Vorschlag?
Hollingsworth: Kleine Länder wie Österreich sollten nicht versuchen, im
gesamten Bereich der Grundlagenforschung präsent zu sein. Sie könnten in der
Grundlagenforschung spezielle Nischen besetzen und versuchen, dort eine hohe
internationale Reputation zu erreichen.
STANDARD: Kann die EU helfen, die Aufgabe der Grundlagenforschung gerecht aufzuteilen? Hollingsworth: Ich bin sehr skeptisch, was den Erfolg der EU als Instrument der Wissenschaftsfinanzierung betrifft. Es sind so viele Staaten involviert, jeder will einen Teil des Kuchens haben, darauf muss bei der Verteilung von Forschungsgeldern Rücksicht genommen werden. Diese Politisierung beeinträchtigt die Qualität der Wissenschaft.
STANDARD: Eine
Variante zum diskutierten European Institute of Technology lautet, dass es als
Netzwerk von nationalen Zentren betrieben werden soll. Kann das funktionieren?
Hollingsworth: Ein solches Institut könnte eine gute Ausbildung für
Studenten leisten. Aber für wirkliche Durchbrüche in der Forschung braucht es
Menschen, die an einem Ort zusammenarbeiten. Ich habe 291 wissenschaftliche
Durchbrüche analysiert. Wenn diese Durchbrüche von einem Team geschaffen
wurden, dann war dieses Team ohne Ausnahme an einem Ort, wo die Forscher häufigen
und intensiven Kontakt miteinander hatten.